AlterKnacker´s Streiflicht Nr.9

Eine Internet-Seite wie den FIWUS aus einem Obdachlosenasyl heraus zu betreiben, erzeugt schon so manche merkwürdige Situationen. Manch einer, der von dieser Situation weiß, bescheinigt mir Mut und Durchhaltevermögen, ich persönlich sehe es inzwischen als relative Normalität an, denn ich hätte ja Neunkirchen im Saarland nur nicht zu verlassen brauchen, denn dort hatte ich ja immerhin eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche, Dusche und sogar einem Balkon und ich hatte ja auch schon knapp neun Jahre durchgehalten. Dass ich diese Stadt und mindestens 90% der dort lebenden Menschen regelrecht gehasst habe wie die Pest, könnten so manche Leser als sekundär ansehen und kein Verständnis aufbringen. Mein Effenberg-Finger ist ihnen gewiss. Ich lebe nun mal im sogenannten letzten Abschnitt meines Lebens und ich brauche ein Umfeld im weiteren Sinne als nur eine Wohnung, in dem ich mich wohl fühle. Bayern und seine Menschen sind solch ein Umfeld, was bei so manchem Leser garantiert noch weiteres Unverständnis erzeugt, aber darüber kann ich dann nur lachen. Da ich in Deutschland doch relativ weit herum gekommen bin, fast immer rein beruflich, von Flensburg bis zum Bodensee und von Aachen bis immerhin im Osten nach Magdeburg, kann ich wohl selbst sehr gut beurteilen, wo ich mich wohl fühle.

Das Zimmer, welches ich hier ‘bewohne’ oder ‘behause’, hat nun gerade mal neun Quadratmeter und diese Größe ist einer Gefängniszelle eigentlich gar nicht so unähnlich und auch die Möblierung ist mit Bett, Schrank, Tisch und Stuhl mehr als kärglich. Nur die Gitter vor dem Fenster fehlen und ich kann meine Tür öffnen und schließen, selbstständig. Noch ein weiterer Unterschied zur Knastzelle ist die Tatsache, dass ich hier meine eigenen Klamotten habe, die ich anziehe, wenn ich das Haus verlasse, zum Einkaufen oder zu einem Café-Besuch. Heute war ich zum ersten Mal seit einer Woche wieder kurz in der Stadt, weil ich kein Bargeld mehr hatte. Meine Bargeld-Automaten sind alle in der Stadt. An meinem Wohnort, der Danziger Straße, gibt es nur einen Automaten, der mir sofort Abhebungsgebühren aufbrummen würde und dafür habe ich kein kostenloses Girokonto gewählt. Ich muss nun mal mit jedem Cent rechnen. Aber was solls. Die vierzehn Stationen hin und zurück mit dem Bus sind halt eine Pflichtübung, die ich jedes mal machen muss, um die Stadtmitte zu erreichen und auch wieder zurück zu kommen. Ansonsten verlasse ich mein Zimmer kaum. Die Sanitär- und Toilettenbesuche hier im Haus sind mir eigentlich ein Gräuel, aber ausschwitzen kann ich es nun mal nicht. Dazu habe ich ja schon mal einen Beitrag geschrieben, sogar mit Bildern ‘verziert’.

Leben auf neun Quadratmetern ist wie ein Eiertanz. Dass erinnert mich an meine Kindheit in Mainz auf der Kaiserstraße. Die Straße als solches ist ja auch noch heute prachtvoll und so breit, aber es darf halt niemand hinter die Fassaden schauen. Auf meinem Privatblog habe ich mal im Ansatz aufgezeichnet und beschrieben, wie wir in den 50er Jahren in Mainz gewohnt und gelebt haben. Gar lustig war es ganz sicher nicht, nur als Kind macht man sich wesentlich weniger Gedanken über solche Zustände, die man dann als erwachsener Mensch meist doch sehr schnell verdrängt, wenn sich die Lebensumstände zwangsläufig verändern.

Meine Wohn- und Lebenssituationen waren im Laufe meines bisherigen Lebens so unterschiedlich, wie manche andere es sich niemals vorstellen können. Von relativ Hochherrschaftlich bis zur Straße war eigentlich alles dabei und deshalb kann ich mich auch immer wieder auf die Gegebenheiten einstellen, auch wenn ich natürlich niemanden wünsche, in solch eine Situation zu kommen, wo er ein Obdachlosenasyl wie die Danziger Straße in Passau in Anspruch nehmen muss. Gerade bei solch einem Asyl kann man von wohnen nicht wirklich sprechen, eher von existieren. Was zum Teil wirklich erschwerend hinzu kommt, ist die ganz bewusst selbst gewählte Isolierung, besonders gegenüber den anderen Hausbewohnern, da die selbst sich schon isolieren und aber zusätzlich nicht in mein eigenes Weltbild fallen, denn Gespräche über Alkohol oder Krankheiten sind auf Dauer nun mal nicht sehr erbauend. Von Motivation ist in diesem Haus nichts mehr zu finden, die Menschen, die hier leben (müssen), haben zumeist schon lange aufgegeben, zu kämpfen.

Es ist noch gar nicht so lange her, da musste man dieses Haus tagsüber verlassen und sich so quasi auf der Straße aufhalten, denn das Haus war nur zum übernachten geöffnet. In vielen Großstädten ist es ja immer noch so. Dabei geht natürlich jegliche Menschenwürde ganz schnell zum Teufel, denn man ist als Penner dann einfach abgestempelt. Dass ist übrigens mit ein Grund, warum ich das Haus eigentlich nur selten verlasse und wenn, dann kann man mich von einem relativ normal ‘lebenden’ Menschen in keiner Weise unterscheiden, schon gar nicht durch mein Äußeres, denn auf eine einigermaßen gepflegte Bekleidung lege ich schon noch großen Wert.

Was mir so gar nicht passt, ist dass mehr als deutliche Gefühl, dass dieses Haus hier von der Stadt Passau als Altersheim für die umfunktioniert wurde oder wird, die sowieso schon aus der sogenannten sozialen ‘Hängematte’ herausgefallen sind und die man dadurch auch billig aus dem Sozialsystem entfernen kann, denn die meisten Bewohner sind hier inzwischen im Rentenalter oder aber sehr nahe dran. Was man sich damit aber dann doch einspart, sind die sogenannten Pflegekosten und-Kräfte, denn die gibt es hier einfach nicht. Kochen muss man selbst und dazu natürlich auch entsprechend einkaufen. Putzen und Waschen muss man selbst, nur die Flure und das Treppenhaus werden von 1-€uro-Kräften durchgewischt und sonst auch notwendige Arbeiten werden von ihnen erledigt. Fast alle Räumlichkeiten wurden inzwischen mit völlig dämlichen Leuchtstoffröhren ausgestattet, obwohl die Strom-Energie-Kosten von den Insassen selbst bezahlt werden müssen, wie bei Hartz IV-Empfängern halt üblich. Ich persönlich konnte dies ja bisher abwenden, aber mit mir ist auch kein so einfacher Umgang zu pflegen, denn ich kenn mich halt auch in unserer Gesetzgebung doch ein wenig aus. Meine Energiekosten belaufen sich bisher schon auf 43 €uronen im Monat und sie werden ja auch im Allgemeinen nicht geringer, denn Energie für mein TV, mein DVD, meinen Computer und die Kochgelegenheit, sowie den Kühlschrank und ein Heizgerät sind nun einmal notwendig und kein Luxus. Bitte keine Fragen zum Heizgerät, ich persönlich brauche ein gewisses Maß an Wärme aufgrund meiner Medikamenteneinnahme und dass Haus besteht einfach aus Beton mit einem Energiesparfaktor gleich Null.

Im letzten halben Jahr wurde das Haus wohl mit Farbe innen etwas ‘aufgehübscht’, aber die Oberfläche ist nun mal die Oberfläche. Die Gesamtkosten für solch ein ‘Altersheim’ so wie auch für die nicht vorhandene Betreuung, die doch so mancher im Haus einfach braucht, sind eine sehr effektive Sparmaßnahme des Staates gegenüber Menschen, die diesem Staat sowieso scheißegal sind. Passau soll wohl als Vorreiter-Modell für den Rest der Republik dienen, da sich unsere Kanzlerin ja inzwischen entschlossen hat, den Sozialstaat, auch für Rentner, komplett abzuschaffen, nicht nur umzubauen.

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