Von dem man nicht spricht – Fortsetzung 1

Wenn man über Depressionen spricht, haben viele die Vorstellung, dass man dann den ganzen Tag trübsinnig und wehleidig rumläuft. Eine Depression ist aber kein konstanter Zustand.

Im April 1954 kam ich in die Schule. Am ersten Schultag wurde ich von meiner Mutter hin gebracht, den Rückweg musste ich schon alleine gehen. Zu dieser Zeit ging ich auch schon alleine einkaufen, alle kleinen Geschäfte waren in einem Umkreis von einem Kilometer und der Verkehr war zu dieser Zeit noch ziemlich überschaubar. Wir wohnten zu dieser Zeit mitten in der Stadt in der Kaiserstraße, nur 5 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Unser Spielplatz war der Mittelgrünstreifen in dieser Straße, der auch heute noch existiert, da diese Straße eigentlich wie eine Allee angelegt ist, dass südliche Ende wird vom ziemlich großen Verwaltungsgebäude der Bundesbahn begrenzt, das Nördliche nahe des Rheins von der Christuskirche, einem Bau mit einer sehr großen Kuppel. Für ein Kind waren dies damals schon sehr beeindruckende Gebäude, da die restliche Umgebung doch noch mit ziemlich vielen Trümmergrundstücken übersät war.

Die Schule war mir im Großen und Ganzen ein Gräuel, denn ich wurde relativ schnell zu einer Art Prügelknaben, als die anderen Kinder heraus fanden, dass ich Bettnässer war. Dadurch wurde ich dann schnell zum Einzelgänger, was ich dadurch kompensierte, dass ich sehr schnell lesen lernte, denn durch Lesen, fand ich heraus, konnte ich der tristen Realität sehr gut entfliehen. Und ich las alles, was mir in die Hände kam. Oft verstand ich noch gar nicht, was ich da so las, aber es störte mich nicht. Am liebsten waren mir natürlich die kleinen Bildheftchen wie Sigurd und Akim aus dem gleichen Verlag. Abenteuer und was man heute Action nennt, waren meine liebste Lektüre. Ich fand dann auch schnell heraus, dass ich diese Heftchen oft vor der Schule im nahen Zeitschriftengeschäft kostenlos lesen konnte, wenn genug Kundschaft im Laden war, denn Geld hatte ich ja keins. Manchmal brauchte ich mehrere Tage, um solch ein dünnes Heftchen komplett lesen zu können, denn oft genug wurde ich erwischt und davon gejagt. Einige hab ich dann auch geklaut, aber ich konnte sie nie nach Hause mitnehmen und musste sie immer vorher verstecken, was natürlich sehr leicht für mich war, denn einige der Trümmergrundstücke in unserer Umgebung waren sozusagen mein zweites Zuhause.

Wenn es in der Schule mit den anderen Kindern mal wieder besonders schlimm war, dann ging ich nach der Schule einfach nicht nach Hause, sondern trieb mich in der Stadt rum, in den damaligen Kaufhäusern Woolworth und Kaufhof. Dort waren die Spielsachen, von denen ich träumte, die Indianer und Cowboys, die Ritter und Burgen. Ich konnte manchmal stundenlang davor stehen, drum herum gehen und träumen, nur irgendwann schlossen diese Geschäfte nun mal und die Realität hatte mich wieder. Jetzt erwartete mich zuhause die Prügel. Also konnte ich auch gleich nicht nach Hause gehen und meist schlief ich dann in irgend einem Trümmergrundstück. Am nächsten Tag ging ich dann treu und brav in die Schule, die natürlich von meinen Eltern schon informiert war und bei Schulschluss wurde ich dann meist von einem Lehrer nach Hause gebracht. Die Prügel kam dann am Abend, wenn mein ‘Vater’ von der Arbeit nach Hause kam.

Manchmal kam ich auch auf den Einfall, zu meinen Großeltern zu müssen, die ja in Wiesbaden weiterhin wohnten. Nur habe ich es nie zu ihnen geschafft, ich wurde jedes mal unterwegs von der Polizei aufgegriffen, meist in Mainz-Kastel, wenn ich gerade über der Rheinbrücke war. Das ganze ging so zwei Jahre, bis meine Eltern einfach nicht mehr mit mir klar kamen. Sie schoben mich in ein Kinderheim nach Büdingen in Hessen ab, nicht ohne mich vorher noch in der Kinderpsychiatrie der Uni-Klinik in Mainz auf meinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Bei dieser Untersuchung wurde auch eine Lumbalpunktion durchgeführt, die ich nie wieder vergessen habe, da der Arzt zweimal daneben stach. Die Schmerzen waren unbeschreiblich.

*** Wird fortgesetzt ***

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0 Antworten zu “Von dem man nicht spricht – Fortsetzung 1

  1. Nette Ausfuehrungen! Ich werde mich damit mal intensiver beschäftigen! Warte auf weitere Posts!

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